Weite_Welt

Potocki Jan

Die Handschrift von Sarragossa

Insel, Frankfurt 1975

Ernestam2

 Jan Potocki (1761 - 1815) ist eine schillernde  Figur des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Der polnische Graf war Universalgelehrter, Berater des Zaren, Weltreisender und Literat. Die letzten Jahre lebte er zurückgezogen auf seinem polnischen Landgut und verfiel in Depression. Er erschoss sich mit einer selbst zurecht gefeilten silbernen Kugel. Also schon sein Leben liest sich wie ein Roman.

Umso abenteuerlicher ist dieses insgesamt 900 Seiten umfassende Romanfragment, dass zu seinen Lebzeiten nicht erschienen ist. In guter Barocktradition gibt er vor, diese Handschrift in einem verlassenen Haus in Sarragossa gefunden zu haben, als er, der Offizier der französischen Armee, sich nach der Eroberung der Stadt ein wenig umsah.

Der junge Adelige Alphons von Worden, eben vom spanischen König zum Oberstleutnant der wallonischen Garden ernannt, macht sich auf den Weg über die wüste, von Räubern beherrschte Sierra Morena nach Madrid. Er kommt an zwei Gehenkten vorbei, übernachtet in einem verlassenen Gasthof und hier beginnen seine fantastischen Abenteuer, die sich immer wieder um schöne, recht lüsterne Frauen, Gespenster, Monster drehen, geheimnisvolle Schlösser und dergleichen Spukhaftes mehr.

Eigentlich dienen die Erlebnisse des jungen Alphons aber nur als Rahmenhandlung für immer neue Geschichten in den Geschichten, verschachtelt bis in die sechste Ebene, alle erzählt von geheimnisvollen Menschen, denen er auf seiner Reise begegnet. Muslime, Juden, sogar der ewige Jude und Christen wechseln sich wie in einem Reigen mit ihren Erzählungen ab.

Potocki erzählt nicht ohne ironisches Augenzwinkern, zum Beispiel, als sich die Gespenster auf einem Friedhof als ein Arzt und seine Schüler herausstellen, die einen Leichnam zur näheren Untersuchung stehlen.

Ein herrliches Buch, dessen zweiter Teil jetzt unbedingt her muss.